Geschlechtsneutrale Erziehung

- Wie geht das?

Lea Birke | 19.04.2021

Geschlechtsneutrale Erziehung will weg von rosa-blauen Genderklischees. Wie kann das funktionieren?

Geschlechtsneutrale Erziehung: Hilfe, Klischees!

Die werdenden Eltern strahlen erwartungsvoll, in der Hand einen Luftballon. Sie pieksen mit einer Nadel hinein und… Boom! Heraus kommt farbiges Pulver und die Überraschung, welches biologische Geschlecht denn nun der Nachwuchs hat. Rosa – juchz, das Baby wird ein Mädchen! Hellblau – juhu, es wird ein Junge! Und da geht es los.

 

Wir kennen diese Videos von Social Media. Das Kind ist noch nicht einmal auf der Welt, schon erfährt es Zuschreibungen. Das Phänomen, das sich hier im Gender-Reveal-Trend ausdrückt, zieht sich durch Schwangerschaft, Sozialisierung, Erziehung und Bildung hindurch wie ein hellblau-rosafarbener Faden – und ist das Feindbild geschlechtsneutraler Erziehung. Zimmer für Mädchen werden rosa gestrichen, wir hängen ihnen Wölkchen ins Zimmer und Bilder, auf denen "I’m so cute" steht. Die Zimmer der Jungen streichen wir blau, wir bauen ihnen Ecken mit Autos und Bauklötzen und schenken ihnen Bälle und Superhelden-Bücher. Wir kleiden unsere Söhne in blauen Stramplern und unsere Töchter in rosa Tutus, nennen ihn Rabauke und sie Prinzessin, spornen ihn zum Toben an und halten sie im Zaum.

 

Nun mag man sich fragen: Na, sind wir da im 21. Jahrhundert nicht schon etwas weiter? Die Antwort lautet. Nein.

 

Leider.

 

Wir können aber etwas dagegen tun. Ein Lösungsansatz heißt geschlechtsneutrale Erziehung. Denn: Geschlechterrollen sind nicht angeboren, sie werden anerzogen.

 

Geschlechtsneutrale Erziehung – Was ist das?

 

Was sie will: Chancengleichheit. Geschlechtsneutrale Erziehung bedeutet in erster Linie, nicht binär zwischen Mädchen und Junge zu unterscheiden, Kinder also nicht stereotyp weiblich oder männlich zu erziehen. Jedes Kind soll sich so entwickeln können, wie es möchte, und nicht durch geschlechtsspezifische Stereotypisierungen und die Erwartungen der Gesellschaft in eine bestimmte Rolle gedrängt werden. Sie will Identifikation mit einem Geschlecht ermöglichen, aber nicht darauf begrenzen, und verdeutlichen, dass es einen Unterschied zwischen dem biologischen Geschlecht und dem sozialen Gender gibt.

 

Was sie nicht will: Gleichmacherei der Geschlechter, wie Kritiker:innen die geschlechtsneutrale Erziehung nennen.

 

Vorreiter:innen der geschlechtsneutralen Erziehung

 

In Gleichstellungsfragen sind die skandinavischen Länder anderen Staaten oft voraus. Bereits 1998 setzte sich Schweden das Ziel, die Gleichstellung der Geschlechter zu festigen – beginnend im Kindergarten. Jedes Kind solle sich frei und fernab von geschlechterspezifischen Stereotypen und Rollenbildern entwickeln können. Das Projekt hat funktioniert: In vielen Kindergärten und Schulen ist geschlechtsneutrale Erziehung und Bildung heute etabliert. Ein bekanntes Projekt mit diesem Konzept ist der 2010 von der Pädagogin Lotta Rajalin gegründete Kindergarten "Egalia" in Stockholm. Zwar stieß die Idee zunächst auf Unverständnis und Ablehnung, Kritiker:innen warfen Rajalin "Gehirnwäsche" und "Indoktrination" vor, doch bei Eltern und Kindern ist der Kindergarten bis heute extrem beliebt.

 

Und wie sieht das in Deutschland aus? Ist hier ein Leben ohne die rosa-hellblaue Brille möglich? Es gibt einige Dinge, die wir beherzigen, vorleben und in unseren Alltag integrieren können, um unsere Kinder geschlechtsneutral zu erziehen und zu begleiten, und diesen feministischen Ansatz zu normalisieren.

 

Geschlechtsneutrale Kleidung

Adlige Söhne mit wallendem Haar, Absatzschuhen und rosafarbenen Gewändern – für uns, die wir gelernt haben, dass all diese Merkmale mit Weiblichkeit assoziiert werden, mag dieser Anblick auf alten Gemälden gewöhnungsbedürftig sein. Doch Rosa war nicht immer Mädchenfarbe. Und Blau galt bis ins 19. Jahrhundert als Farbe der Jungfrau Maria und wurde nur von Mädchen getragen. Das Beispiel zeigt deutlich: Geschlechterzuschreibungen sind menschengemacht. Und wenn wir sie machen können, können wir sie doch auch verändern, oder?

 

Ist es nicht seltsam, dass wir angeblich im Zeitalter des Individualismus leben und die Farbwelt für unsere Kinder lediglich zwei Varianten umfasst? Zudem besagt auch der aktuelle Forschungsstand für die Geschlechtsentwicklung, dass das einfache Modell der biologischen Zweigeschlechtlichkeit überholt sei.

~ Teresa Bücker

Bei vielen ist es noch üblich, Mädchen eher in hellen oder knalligen Farben, in Kleidchen und Strumpfhosen zu kleiden, Jungen eher in blau und dunkleren Tönen. Nicht selten tragen T-Shirts für Jungen Aufschriften wie "Held" oder "Rebell", T-Shirts für Mädchen zieren Blümchen und Herzchen und sie tragen Aufschriften wie "Prinzessin" oder "Pretty".

 

Kleidung suchen sich Kleinkinder selten selbst aus. Die Eltern kaufen sie ihnen und betonen dann, wie süß oder hübsch, wild oder cool das Kind darin aussieht. Werden Kindern Komplimente wie diese gemacht, verwundert es nicht, dass sie diese Kleidung immer wieder tragen möchten. Doch das muss nicht sein. Kaufen wir unseren Kindern doch Kleidung in neutraleren Farben. Und wenn der Sohn einen Rock tragen möchte, sollten wir ihn keinesfalls davon abhalten.

 

Geschlechtsneutrales Spielzeug

 

Kinderabteilungen von Kaufhäusern sind für Eltern, die ihre Kinder geschlechtsneutral erziehen möchten, der Eingang zur Hölle. Es gibt zwei strikt nach Farben getrennte Bereiche. In dem einen leuchten in Rosa und Glitzer Puppen, Perlen und Bastelsachen. In dem anderen reihen sich Autos, Bagger und Werkzeug in dunklen Farben aneinander. Viele Spielwaren gibt es einmal für Mädchen, einmal für Jungen – zwei Geschlechter, zwei Ausführungen. Im Kaufhaus erkennen wir: Genderklischees sind eng mit dem Kapitalismus verflochten. Und die Spielzeugindustrie schlägt ordentlich Kapital aus den Schubladen in unseren Köpfen.

 

Nicht wenige Eltern behaupten: "Aber Emilia spielt doch am allerliebsten mit Puppen, Bauklötze mag sie doch gar nicht!" Oder: "Ben ist wirklich ein typischer Junge, er spielt immer nur mit Autos." Nun mag es sein, dass Emilia und Ben ganz von sich aus Präferenzen entwickelt haben. Doch was ist wirklich freier Wille und was Sozialisierung? Und wurde den Kindern vorab auch anderes Spielzeug angeboten? Der Ansatz geschlechtsneutraler Erziehung: den Kindern ein Angebot machen, sie ausprobieren lassen, ihre Wahl akzeptieren und uns dann auf ihre Interessen und Stärken einlassen. Spielzeuge in neutralen Farben sind auch eine Idee, leider aber gar nicht so leicht zu finden.

 

Ein Faktor, der nicht zu vernachlässigen ist, ist, was die Kinder durch das Spielen erlernen. Mädchen bekommen öfter weiche Spielsachen und Puppen, die sie hegen und pflegen, Jungen festeres Spielzeug, das körperliches Selbstvertrauen stärkt und räumliches und logisches Denken fördert. Dass mehr Männer sich später für naturwissenschaftliche Fächer und mehr Frauen für musische entscheiden, ist kein Zufall. Und der Grund ist nicht das biologische Geschlecht, sondern die Erziehung.

 

"Wir haben klare Zuordnungen in scheinbar weibliche und scheinbar männliche Berufe", sagt Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Petra Focks in der ZDF-Doku "No more boys and girls" über den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Beruf. "Und wenn wir gesellschaftlich die Zielsetzung haben, hier etwas zu verändern, ist es hochproblematisch, wenn sich alles, was Pflege, Fürsorge, Bildung angeht, im Spielwarenbereich an Mädchen richtet und alles, was mit Technik und räumlichem Denken, Aktion und Wirtschaften zu tun hat, als jungenhaftes Spielzeug verkauft wird."

 

... und die Prinzessin rettete sich selbst

 

Es war einmal ein Mädchen, das wurde von einer unsympathischen Verwandten ausgebeutet. Es wurde als unbezahlte Arbeiterin gehalten und schaffte den Widerstand nicht, denn es kannte das Wort Selbstermächtigung nicht und niemand hörte seine Stimme. Niemand hatte ihm je beigebracht, dass es stark war und gut genug und alles werden konnte, was es wollte. So kam es, dass es einfach wartete, bis es von einem starken Mann gerettet wurde. Um ihn zu beeindrucken, griff das Mädchen zu materiellen Dingen und setzte auf äußere Schönheit und stereotype Kleider. Und es funktionierte, denn auch der Mann dachte in Schubladen. Er heiratete das Mädchen, denn Ehe war die Lösung für alles, und das Mädchen war nun frei von der Verwandten und gefangen im nächsten, aber gesellschaftlich befürworteten Abhängigkeitsverhältnis. Ende stereotyp, alles stereotyp.

 

Wir kennen das alle. Wir sind aufgewachsen mit Aschenputtel, Schneewittchen und anderen Prinzessinnen, deren wichtigstes Qualitätsmerkmal Schönheit war, und die von übergriffigen, sie in bewusstlosem Zustand küssenden Prinzen errettet wurden. Wir liebten die Grimmschen Märchen und ihre Disneyschen Verfilmungen, wir romantisieren sie bis heute.

Für viele kommt es deshalb nicht in Frage, diese Bücher und Filme komplett aus den Regalen ihrer Kinder zu verbannen. In dem Fall: Lasst uns mit unseren Kindern über die Geschlechterklischees und problematischen Stellen darin sprechen. Fragen wir sie explizit: Was ist am Verhalten des Prinzen falsch? Was würden wir an Aschenputtels Stelle tun?

 

Einige Geschichten lassen sich auch beim Vorlesen etwas verändern und geschlechtsneutraler machen. Wenn zum Beispiel nur Männer im Mittelpunkt stehen, kann man ihnen Frauennamen geben. Wenn die Mutter im Buch die komplette Care-Arbeit übernimmt, während der Vater einer Erwerbstätigkeit nachgeht, dreht man die Figuren einfach mal um. Mittlerweile gibt es viele tolle Bücher über weibliche Heldinnen, Jungs, die Schwäche zeigen, trans Kinder, queere Protagonist:innen, alternative Familienmodelle und vieles mehr.

Geschlechtsneutrale Sprache

 

Vieles beginnt mit der Sprache. Denn Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sie kreiert sie auch. Wie wir mit unseren Kindern und über unsere Kinder reden, kann deshalb einen großen Unterschied machen.

 

Im Kindergarten von Lotta Rajalin in Stockholm nutzen alle das neue geschlechtsneutrale Pronomen "hen", das auch Raum für trans und non-binäre Kinder lässt, anstelle des weiblichen "hon" und des männlichen "han". Dieses Pronomen ist in Schweden mittlerweile weit verbreitet. Ein vergleichbares Pronomen existiert in der sehr geschlechtsspezifischen deutschen Sprache nicht, doch es gibt andere Ansätze in der geschlechtsneutralen Erziehung.

 

  • Sprechen wir über andere, können wir das Wort "Kinder" statt "Jungen und Mädchen" nutzen, um die Binarität aufzubrechen.
  • Wir können gendern, um Vielfalt zu suggerieren. Einige Eltern wählen sogar den Ansatz, so lange keine oder selbst kreierte Pronomen für ihre Kinder zu nutzen, bis diese sich für eines selbst entscheiden können. Womit wir uns wohlfühlen, sollten wir am besten einfach ausprobieren.
  • Mache Familien setzen außerdem auf geschlechtsneutrale Vornamen. Da dies in Deutschland nicht erlaubt ist, muss aber bei Namen, die für beide biologischen Geschlechter genutzt werden können, immer noch ein geschlechtsbestimmender Zweitname vergeben werden.

Kindern mehr als zwei Geschlechter anzubieten oder zu versuchen, sie frei von diesen Zuweisungen zu erziehen, ist selbst den meisten Eltern in aufgeklärten Kreisen zu radikal. Aber ist der gängige Blick auf Kinder es nicht genauso?

~ Teresa Bücker

Wie sprechen wir mit unseren Kindern?

 

Wir sollten darauf achten, über welche Themen wir mit unseren Kindern sprechen, wie wir auf ihre Gefühle eingehen, wofür wir sie loben und weshalb wir schimpfen. Wenn Mädchen immer gelobt werden, wenn sie sich besonders hübsch gemacht haben, vermittelt es ihnen, dass das ihr wichtigstes Kapital sei. Die Botschaft an Mädchen, so Petra Focks, sei, schön zu sein, "egal wie ich in Mathe bin und ob ich stark bin. Und diese Fokussierung nimmt einfach Kraft für alles mögliche andere Interessante."

 

Mädchen lobt man für ihr Äußeres: "Du siehst so hübsch aus!" Jungs eher für ihre Charaktereigenschaften: "Mensch, das hast du toll gemacht!" Und wir müssen etwas dafür tun, dass nicht die nächste Generation folgt, der das schadet.

~ Melodie Michelberger

Geschlechtsneutrale Erziehung gegen toxische Männlichkeit

"Boys don’t cry", sangen schon The Cure. "Du läufst wie ein Mädchen" oder "In****er kennen keinen Schmerz" haben wir alle schon gehört. Jungen wird ihre weichere Seite abgesprochen, "schwul" gilt als Beleidigung, das Wort "Pussy" wird mit "Memme" gleichgesetzt. Diese sexistischen, homophoben und oftmals auch rassistischen Ausdrücke haben Platz in unserem alltäglichen Sprachgebrauch und auch in der Erziehung. Sie festigen tradierte Rollenbilder und die wiederum können krank machen: Wenn Jungen lernen, dass sie nicht schwach oder zart sein und über Gefühle sprechen dürfen, führt das dazu, dass sie als Erwachsene ungern über körperliche und mentale Krankheitssymptome sprechen, weniger zum/zur Ärzt:in gehen, eine kürzere Lebenserwartung haben als Frauen und eine dreimal so hohe Suizidrate.

 

Mädchen hingegen lernen, sich um andere zu kümmern und sich hinten anzustellen, nicht zu laut zu sein, Wut zu unterdrücken, brav zu sein, die kümmernde Rolle einzunehmen. Gender Pay Gap, finanzielle Abhängigkeit, die Ungleichverteilung des Mental Load sowie Essstörungen sind nur einige Beispiele für direkte Konsequenzen daraus.

 

Zudem fördert die toxische Rollenverteilung fragile Egos, Misogynie und sexualisierte Gewalt. Es gibt keine Gewinner:innen in diesem patriarchalen System. Und wenn wir erkennen, dass die Wurzel von vielem schon in der Erziehung liegt, können wir aktiv etwas verändern.

Mädchen dürfen wie Jungen sein, aber Jungen nicht wie Mädchen

 

Dabei müssen wir bei Mädchen und Jungen gleichermaßen ansetzen. Wir erziehen unsere Mädchen immer mehr wie Jungen. Wir erlauben ihnen männlich konnotierte Dinge und kleiden sie auch so. Doch wir erlauben den Jungen noch immer kaum etwas stereotyp Weibliches. Warum diese Diskrepanz zwischen den Geschlechtern?

 

Weil Weiblichkeit mit Schwäche gleichgesetzt wird. "Jungs wachsen immer noch in der Tradition einer männlichen Vorherrschaft auf und da wäre es ziemlich bescheuert, wenn man in Mädchenkleidung rumlaufen würde", sagt Hirnforscher Dr. Gerald Hüther in der oben genannten Dokumentation. Deshalb müssten wir ganz klar schon in der Erziehung die Definitionen von Weiblichkeit und Männlichkeit und allem, was zu Geschlecht und Gender gehört, in Angriff nehmen.

 

Rolemodels für die Kinder

 

Dafür brauchen Kinder gute Vorbilder. Wenn ein Mädchen Werkzeug geschenkt bekommt, aber noch nie eine Frau gesehen hat, die Werkzeug benutzt, dann wird es vielleicht auch nicht damit spielen. Wenn die Lehrkräfte in der Grundschule sagen, sie bräuchten "starke Jungs, um Tische zu tragen", vermittelt es den Mädchen, sie seien nicht stark genug. "Auch Pädagog:innen sind in dieser Gesellschaft aufgewachsen", erklärt Petra Focks. "Studien zeigen sehr deutlich, dass auch Pädagog:innen Mädchen eher auf ihr Äußeres ansprechen, Jungen eher auf ihre körperliche Kraft, und Mädchen eher unterbrechen."

 

Gute Vorbilder sind in unserer Gesellschaft und in der Erziehung also noch viel zu selten. Deshalb müssen wir unsere eigenen Vorurteile hinterfragen und bisweilen aktive Rollenumkehr betreiben. Lassen wir die Männer Kuchen backen und die Frauen die Heizung reparieren. Andersherum erleben die Kinder es schon zu genüge. Zeigen wir ihnen Familienmodelle, die anders sind als Vater, Mutter, Kind, um ihnen Heteronormativität erst gar nicht beizubringen. Lassen wir die Männer Kleider tragen, um Solidarität zu zeigen. Erzählen wir den Kindern von Berufen und dass sie alles werden können, Ärztin und Kindergärtner, Pilotin und Florist, Vorständin und Tänzer.

 

Gerald Hüther erklärt, Kinder machten sich die Vorstellungen, die ihre Familien und Peer Groups von Geschlecht haben, zueigen und handelten danach, da sie ein Grundbedürfnis hätten, dazuzugehören. "Sie konstruieren sich diese Verschaltungen selbst ins Hirn: Als Mädchen spielt man kein Fußball und als Mädchen wird man auch keine Pilotin", sagt er. "Und die sind dann ganz erstaunt, wie ich, wenn ich nach Schweden komme, dass da massenhaft Männer auf dem Spielplatz sind, die sich um die Kleinkinder kümmern. Wunderbar, kann ich da nur sagen. Das ist die neue Welt."

 

Das Umfeld für geschlechtsneutrale Erziehung sensibilisieren

 

Gesellschaftliche Einflüsse aus der Erziehung herauszuhalten, ist praktisch unmöglich. Eltern können das Aufwachsen der Kinder nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, denn das Umfeld prägt diese enorm. Früher oder später werden sie an ihre Grenzen stoßen, wenn etwa das Kind aus dem Kindergarten kommt und sagt: "xy hat gesagt, ich darf etwas nicht machen, weil ich ein Mädchen/Junge bin." Was wir tun können, ist, ihnen zu erklären, dass Geschlechterstereotype eben genau das sind: Stereotype, die wahr sein können, aber nicht müssen. Das betont auch Genderforscherin und Pinkstinks-Gründerin Dr. Stevie Schmiedel im Podcast "Kasia trifft...": "Sprecht mit euren Kindern über Rollen und wo sie herkommen." Sprechen wir auch auch mit Familie und Freund:innen darüber, sensibilisieren wir sie nach bestem Wissen für Rollenklischees, bitten sie, keine stereotypen Geschenke zu machen, auch wenn es anstrengend ist und wir manches Mal auf Unverständnis stoßen. Die Denkmuster sind tief verinnerlicht, aber sie lassen sich auch dekonstruieren.

 

So erziehen wir unsere Kinder zu Feminist:innen!

 

In der Erziehung wird "die Vielfalt der Gefühlsweisen, Verhaltensweisen, Temperamenten von Kindern, ihre gesamte Individualität verkürzt und eingeschränkt auf das, was in der jeweiligen Zeit und Kultur als typisch männlich oder typisch weiblich gilt", erklärt Petra Focks. Und wer diesen Geschlechterklischees nichts entgegensetzt, bringt sie zwangsläufig immer wieder neu hervor.

 

Wenn Gleichbehandlung bereits in der Erziehung beginnt, haben die Kinder später nicht mehr so viel Arbeit damit, diese Dinge wieder zu entlernen, wie wir. Das Allerwichtigste dabei: Gelassenheit. Wenn die Tochter nach mehreren Alternativangeboten doch lieber mit Puppen spielen will, dann muss sie das auch dürfen. Wie in allen anderen Facetten des Feminismus geht es auch bei der geschlechtsneutralen Erziehung absolut nicht darum, jemandem etwas zu verbieten oder aufzuzwingen, sondern eben um genau das Gegenteil: Freiheit. Die Freiheit, ein Individuum zu sein und auch beim Aufwachsen der Mensch zu bleiben, der wir in der Kindheit waren, bevor die Gesellschaft uns sagte, wie wir denn bitte zu sein hätten. Kinder begegnen anderen Kindern von sich aus offen, tolerant, neugierig und respektvoll. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei möglichst wenig einzuschränken.

 

Unsere Kinder erwarten nicht von uns, geschlechtsspezifisch erzogen zu werden, sondern zunächst, als Kind und Mensch angenommen, geliebt und vertrauensvoll begleitet zu werden.

~ Teresa Bücker

Letztlich heißt geschlechtsneutrale Erziehung also, ein Kind mit seiner gesamten Persönlichkeit wahrzunehmen, frei von Geschlecht und Schubladen. Es ist ein Weg, dem Kind zu zeigen: Du bist, wer du bist, und kannst sein, wie du sein möchtest.

 

 

 

Quelle: https://www.emotion.de/leben-arbeit/gesellschaft/geschlechtsneutrale-erziehung